Weg „ans Ende der Welt“

Liebe Leser/Innen,

warum …“ Ende der Welt“?

Antiker Irrtum der Römer: Die Römer glaubten in der Antike, dass das Kap der westlichste Punkt der bekannten Welt sei und dahinter nichts als der endlose Ozean und das Ende des Festlandes kämen.

Wer am Kap steht, blickt direkt auf den weiten Atlantik, was den Eindruck erweckt, die Landmasse höre hier tatsächlich auf.

Nach einer sehr kurzen Nacht in Santiago de Compostela (ein Pilger meinte, er müsse um 04:00 Uhr morgens das große Licht anmachen), gehe ich dann bereits um 05:30 im Dunkeln los.

Dadurch habe ich wenigstens die Möglichkeit, die Kathedrale fast ohne Menschen zu fotografieren, es läuft nur ein Pilger vorbei, im Gegensatz zu den hunderten von Pilgern gestern.

Nach 10% iger Steigung und Wanderung durch den stockdunklen Wald begrüßt mich dann dieser schöne Anblick bei anbrechendem Tageslicht.

Hier sind deutlich weniger Pilger unterwegs; manchmal gehe ich 2-3 Stunden alleine.

Es ist morgens mittlerweile schon kalt, meist nicht mehr als 4 Grad und das Wasser zwischen den Bäumen bildet eine Eisschicht. Da ist es doch gut, dass ich vergessen hatte zuhause meine bunten Handschuhe auszusortieren und aus Versehen mitgenommen habe.


Während der Wanderung haben Silja und ich die verschiedensten Herbergen kennengelernt.

Es gibt sehr wohnliche, meist von engagierten Hospilateros geführte Häuser, die zum Beispiel gut sortierte Küchen zur Eigenversorgung anbieten.

Aber auch sehr spartanische und steril eingerichtete Herbergen, wo es maximal eine Mikrowelle, aber keinerlei Geschirr gibt.

Im Vergleich Portugal zu Spanien kann ich grundsätzlich sagen, dass die regulären – günstigeren – portugiesischen Häuser persönlicher und engagierter geführt werden. Die spanischen Häuser sind eher geschäftsmäßig unterwegs.

Hier einige Fotos dazu:

Auf dem Jakobsweg passieren Dinge, die du im normalen Alltag wahrscheinlich ziemlich seltsam finden würdest. 

Zum Beispiel, wenn …

🥾 du einem wildfremden Menschen nach drei Minuten deine halbe Lebensgeschichte erzählst.

🥾 du mit völlig Fremden ausführlich über Blasen an den Füßen sprichst.

🥾 du jemanden seit Tagen kennst, aber nur seinen Vornamen und sein Herkunftsland weißt.

🥾 du dich morgens von jemandem verabschiedest und ihm zwei Stunden und zwei Tage später schon wieder begegnest.

🥾 du dich riesig freust, jemanden wiederzusehen, mit dem du vor drei Tagen nur zehn Minuten gesprochen hast.

🥾 du um 20 Uhr freiwillig ins Bett gehst und das völlig normal findest.

🥾 du jemanden vor zwei Stunden kennengelernt hast und ihr euch verabschiedet, als wärt ihr seit Jahren beste Freunde.

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Zwischen zwei Orten spielt sich eine dramatische Situation im Wald ab:

Ein Pilger ist mit Herzproblemen zusammengebrochen, zwei Pilger machen Herzdruckmassage, die anderen die dazu kommen, rufen Hilfe per Telefon. Da es ein unwegsames Gelände ist, kommt nach 30 Minuten ein Hubschrauber mit medizinischem Personal. Trotz dieser Hilfe stirbt der Mann hier im Wald; wir alle sind sehr betroffen.

Am nächsten Tag fällt es schwer, wieder einfach loszugehen…

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Es fängt nun oft bereits morgens an zu regnen, im Laufe des Tages wird es dann wieder trockner; wobei die Regenkleidung dann in der nächsten Herberge erst einmal irgendwie zu trocknen ist.

Mein Weg führt mich nun weiter nach Muxia, wieder durch viele Landschaften; insgesamt begegne ich nur zehn Pilgern.

Die meisten Pilger wandern erst nach Finisterre und dann nach Muxia; ich mache es anders herum. Etwa 8 Kilometer vor Lagos teilen sich dann die Wege.

In Dumbria habe ich eine sehr nette Zimmergenossin: Es ist Lana aus China.

Auf unseren jeweiligen Stockwerkbetten sitzend haben wir lange Gespräche über unsere unterschiedlichen Kulturen. Interessanterweise empfindet sie die deutschen Pilger, die sie hier kennengelernt hat, als sehr kommunikativ und freundlich; ihre Landskeute seien eher verkrampft und zurückhaltend.

Da sie den Weg nach Fisterre geht zu ihrem Freund, der keine Lust hatte zu wandern und dort auf sie wartet, lassen wir uns noch von einem englischen Pilger fotografieren.

Angekommen nach 21 Kilometern in Muxia, einem kleinen Fischerdorf, das wohl zu 80% aus Pilgern besteht, erwartet mich das tosende Meer.

Hier bleibe ich nur einen Tag, es ist mir alles zu voll und auf Pilger ausgelegt.

Ich habe mich nach nunmehr 340 Kilometer Wanderung entschieden, die letzten 29 Kilometer – letzte Etappe – mit dem Bus nach Finisterre zu fahren.

Finisterre ist genauso oder noch viel mehr auf Pilger ausgelegt als Muxia. Die Preise sind entsprechend „angepasst“.

Hier wird mir natürlich bewusst, dass ich auch ein Teil dieses Pilgergeschäftes bin. Aus meiner Sicht könnte ich daher auf eventuell zukünftigen Caminos auf die Endstationen verzichten und nur die Wege dorthin genießen.

Die vielen Gespräche mit Pilgern aus allen Teilen der Welt haben meinen Blick und meine Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebenswelten sehr geweitet und auch bei mir einiges in Bewegung gesetzt.

Zwischen Schritten, Landschaften und Momenten der Reflexion habe ich gelernt, Einfachheit zu schätzen, geduldig zu sein und voranzukommen, auch wenn meine Müdigkeit einsetzt.

Ich nehme die Zufriedenheit, dieses Ziel zu erreichen, und die Freude an allem, was ich erlebt habe: die Gespräche, die Begegnungen und diese Momente der Stille, die mir auch viel sagen.

Ich komme mit müden Füßen und einem Herzen voller Dankbarkeit am Ziel an.

Ich vermisse die ruhigen Wanderwege, die Stille des Waldes, die Vogelstimmen, das Knarren der Bäume und meine innere Stille.

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Da ich nach der Rückfahrt über Santiago de Compostela nach Valencia noch zwei Wochen Zeit habe, bevor Nanni zu mir nach Valencia kommt, ist mein Plan wie folgt:

Ich hatte mich auf dem Camino in Spanien mit Marta, einer spanischen Mitarbeiterin in einer Klinik, unterhalten. Sie berichtet mir, dass in ihrer Heimatstadt Valencia und Oliva vor kurzem wieder großflächige Überschwemmungen sind und dort dringend Helfer gesucht werden.

Screenshot

Ihr könnt Euch vielleicht nun denken, was dann passierte…

Sie stellt mir auf meine Bitte einen Kontakt zum dortigen Zivilschutz her und so werde ich dort im Einsatz sein; mal schauen, was mich dort erwartet.

Zusammen mit einem Koordinator vom Zivilschutz in Oliva fahren wir zunächst zu einer allein wohnenden älteren Dame, die im Überschwemmungsgebiet wohnt. Das Wasser ist fast weg, aber das Haus ist komplett durchgeweicht, vieles liegt durchnässt draußen mit Müll herum und die Frau, eine Deutsche (die sich hier mit ihrer Rente einen schönen Lebensabend machen wollte), ist ziemlich fertig und wie wir beide feststellen, psychisch zumindest sehr auffällig. Wir beschließen die Hilfe für sie an eine andere geeignete Stelle zu übergeben.

Axel, der deutsche Koordinator, fährt dann mit mir durch die Stadt, die eigentlich schon wieder relativ gut aufgeräumt ist und es sind nur noch wenige Spuren zu sehen, auch nur wenn man genau hin schaut.

Ich sehe normal geparkte Autos am Straßenrand, aber es sind alles kaputte Autos. Man sieht es wie auf diesem Bild daran, dass die Scheiben von innen beschlagen sind, oftmals sind auch Scheiben geborsten. Axel erzählt mir, dass es hunderte bis Tausende Autos im Stadtgebiet sind, die noch nicht abgeschleppt worden sind.

Nachfolgend einige heftige Eindrücke von der Flut hier.

Mitarbeiter der Stadt sind sehr im Einsatz und es türmen sich in der Stadt die Müllberge.

Am Folgetag bin ich im Einsatz bei Maribel und Vincenz, die mir am Schluss mit Tränen in den Augen für meinen Einsatz beim Reinigen und Müll entsorgen danken.

Nun ist dieser Reiseblog doch so lang geworden, aber es ist mir wichtig, auch diese Eindrücke mit Euch zu teilen.

Bis Nanni am 16. November nach Valencia kommt, werde ich es nun auf verschiedenen Stellplätzen ruhig angehen lassen.

Ich bin sehr dankbar für die letzten Wochen, haben sie mir doch viel schönes erleben lassen; deutlich ist mir auch gerade durch den letzten Einsatz, wie schnell alles ohne Vorwarnung vorbei sein kann.

Also genießt das Leben und seid Euch bewusst, was für ein Geschenk es ist!

Euer Micha


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Kommentare

2 Kommentare zu „Weg „ans Ende der Welt““

  1. Avatar von Regina Lunetta
    Regina Lunetta

    Dein Bericht war sehr interessant. Herzlichen Glückwunsch das du diese anstrengende Strecke geschafft hast!!!!
    Liebe Grüße Regina

    1. Avatar von michael
      michael

      Liebe Regina,

      danke für die Glückwünsche und dass Du so treu meinen Bericht gelesen hast.

      Michael

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