Liebe Begleiter/Innen,
wie im letzten Bericht erwähnt, haben wir ja die spanische Grenze überschritten.
Silja und ich haben einen ähnlichen Eindruck: In Portugal sind die Menschen, die uns begegnen, aufgeschlossener gegenüber uns Pilgern als die Spanier. Die Häuser sind größer und fast immer mit hohen Mauern umgeben. In Portugal finden wir viel öfter mitten im Wald oder sonstwo kleine Stände mit freundlichen Menschen, die uns Kunstwerke wie selbst gemachte Stempel anbieten.


Wenn wir längere Strecken wandern und es steil hoch geht, kommen wir ganz schön aus der Puste und brauchen dann Pausen.


Manchmal ist es auch so eine Pause:

Eine besondere Atmosphäre ergibt sich, wenn wir früh morgens um 06:30/07:00 losgehen:
Die Welt ist noch ganz still, es ist stockdunkel, die Vögel erwachen. Diese Stimmung berührt mich immer sehr und ich fühle tief in mir, welch‘ ein Privileg diese Wanderung für mich ist und welch‘ kleiner Mensch ich doch in dieser großen und wunderbaren Welt bin.




Mittlerweile begegnen wir immer mehr Pilgern, da sich nun mehrere verschiedene Pilgerwege kreuzen und es gemeinsam gen Santiago de Compostela geht.
Das wunderbare ist, dass wir nun wieder Menschen begegnen, die wir vor vielen Kilometern kennengelernt haben: Jagida und Barbara aus Polen, Matthes aus Deutschland, Domminik aus Irland und viele mehr. Es ist dann immer ein freudiges Wiedersehen und wir sind alle stolz auf uns, dass wir es schon so weit geschafft haben !









Silja erzählt mir von ihrem abendlichen Gespräch mit einem Hospilero:
Pilger nähmen einfach Geschirr und Besteck mit, Töpfe und andere Küchenutensilien ebenfalls, das sei der Grund der kärglichen Küchenausstattung der öffentlichen Herbergen in Spanien. Er sei Zeitarbeiter bei der Regionalverwaltung und werde immer in verschiedenen Herbergen eingesetzt.
Wir haben zu unserem Erstaunen gemerkt, dass wir zwischendurch mehr Kilometer als gedacht gelaufen sind. Da wir aber die letzten zwei Herbergen bereits gebucht hatten, müssen wir einen Tag überbrücken. Wir entscheiden uns, nun weniger Kilometer pro Tag zu gehen. Aber nur 8 Kilometer am vorletzten Tag gehen – das ist ja ein Spaziergang und fast langweilig.
In O Milladoiro in der Herberge erleben wir es das erste Mal, dass wir Rucksack und Schuhe desinfizieren müssen.

Nun da wir in wenigen Tagen an unserem Ziel sind, kommt etwas Wehmut auf:



Wir treffen wunderbare Menschen:
Menschen in den unterschiedlichsten Lebensabschnitten, die sehr offen für neue Begegnungen und Gespräche sind.
Wir wandern im Dunkeln oder im Morgengrauen durch Wälder, ruhen uns erschöpft auf Steinen am Wegesrand aus, sind glücklich nach zwei Stunden einen warmen Kaffee zu genießen, sind erstaunt über die leeren Dörfer und die zerfallenen Häuser, bewundern Früchte und Pflanzen auf unseren Wegen, freuen uns, wenn Einheimische uns „Bon Camino“ wünschen, sind erstaunt, wie leicht uns das kilometerlange Laufen immer leichter fällt.
Am 22. Oktober haben wir es geschafft:
Nach 253 Kilometern stehen wir inmitten anderer Pilger vor der Kathedrale:


Wir holen uns noch die Urkunden, die bei mir die komplette Kilometerzahl von Lissabon nach Santiago de Compostela erwähnt (da ich ja letztes Jahr den ersten Teil bereits gegangen war).


Der Moment vor der Kathedrale ist zwar schön, aber eigentlich ist der gemeinsame Weg und das Erleben des Weges viel eindrucksvoller.
Berührend ist für mich, dass Silja mich so wunderbar begleitet hat und wir beide als Vater und Tochter es gemeinsam geschafft haben.
Hier noch einige Bilder von unterwegs:






Der Camino ist wirklich ein Musterbeispiel für Völkerverständigung!
Silja ist nun wieder auf dem Weg nach Hause und ich werde ab morgen den kleinen Camino (nur 120 Kilometer) nach Muxia und Finisterre machen; der Weg führt nach alten Mythen „bis ans Ende der Welt“.

Freut Euch auf einen nächsten Bericht!
Euer Michael
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