Dankbar sein

Sind wir eigentlich dankbar dafür, dass es uns so gut geht in Deutschland?

Seit vielen Jahren unterstützt mich Susanne dabei, einmal im Jahr ehrenamtliche Flüchtlingshilfe im Ausland zu leisten; so auch dieses Jahr. Ich habe mich dieses Jahr für die Mitarbeit in einer kleinen NGO (Nichtregierungsorganisation) entschieden: „Charitable Roots“(= karitative Wurzeln). Ende Januar mache ich mich auf den Weg nach Grande-Synthe in Nordfrankreich in der Nähe von Calais / Dünnkirchen.

Nach langen Staus komme ich dort an. Die Organisation liegt etwas versteckt in einem Industriegebiet, etwa 30 Minuten entfernt vom Flüchtlingscamp.


Empfangen werde ich von einem multinationalen Team (Italiener, Engländer, Amerikaner, Holländer, Belgier, Deutsche); ich bin hier der “Oldie”.

Hier ein kleiner Eindruck von den Räumlichkeiten von “Charitable Roots”.

Ich übernachte in unserem “Knuffel” (=Wohnmobil) und friere sehr, da es unter -4 Grad ist und ich die Heizung noch nicht anmachen konnte, da die Stromfrage noch nicht geklärt ist.

Am ersten Tag fahren wir morgens mit einem LKW und einem PKW zum Camp.
Das Camp ist nichts anderes als eine brachliegende Fläche, die etwas geplättet wurde. Es gibt auf dieser großen Fläche mehrere Organisationen, die ihre Hilfe anbieten, zum Beispiel medizinische Hilfe, Essensverteilung, Kleiderverteilung, Strom, warme Duschen im umgebauten Pferdetransporter etc.

Erst seit kurzem gibt es 65 mobile Toiletten. Nachdem mehrere Organisationen die Stadt erfolgreich verklagt hatten, wurden diese Toiletten aufgestellt und werden auch täglich durch Mitarbeiter der Stadt gereinigt. Man mag sich nicht vorstellen, wie diese vielen Menschen hier (im Sommer bis zu 1.000 Geflüchtete) und im Umfeld ihre Notdurft verrichten mussten…

Etwas abseits gibt es ein “Lager” für alleinreisende Männer und ein separates “Familiencamp”. Beide sind allerdings völlig verwahrloste, unter Wasser stehende Zelte, Plastikplanen etc. Die Plätze dort werden nur durch die Schleuser gegen Geld zugewiesen; diese Schleuser haben abseits des Camps – ohne dass die patroulierende Polizei einschreitet – Zelte aufgebaut, wo sie die Geflüchteten über die Fluchtmöglichkeiten “beraten” und natürlich auch kassieren.

Allerdings wird das gesamte Camp – inklusive aller Zelte und Habseligkeiten der Geflüchteten – ohne Vorankündigung in unregelmässigen Abständen von der Stadt mittels Planierraupen “geräumt”; kurze Zeit kommen die Geflüchteten wieder zurück und dann beginnt dann das Katz-und-Maus-Spiel erneut.

Direkt in der Nähe ist eine Straße, auf der ab und zu Touristen zum Strand fahren, die von ihren Wohnmobilen aus ihren Fenstern auf die Geflüchteten und uns schauen, als ob wir im Zoo wären.

Da es nicht gerne gesehen wird zu fotografieren, hier mehrere von einer Volontärin gezeichneten Bilder. Später hat sich das etwas relativiert und ich konnte doch Photos und kleine Videos machen.

Meine Aufgabe besteht darin, mit den anderen Volontären jeden Tag die großen Zelte aufzubauen, die Stromversogung mit Batterien zu gewährleisten, Hygieneartikel auszugeben und Müll zu sammeln.


Am dritten Tag haben wir eine gefährliche Situation erlebt: Trotz unserer Bitte stellen sich die Geflüchteten nicht in einer Reihe / Linie auf, um bis zum Schluss des kompletten Aufbaus der Zelte zu warten, da alle zuerst an die Stromversorgung kommen wollen. Nach einer klaren Ansage unsererseits klappt es zwar zunächst, dann gibt es aber im Zelt einen Kampf zwischen mehreren Männern um einen Platz an der Stromversorgung. Aufgrund des Sicherheitskonzeptes der Organisation ziehen wir uns alle auf die andere Straßenseite zurück und warten die Situation ab. Da es nicht ruhiger wird, bauen wir – nach vorheriger einstündigen Aufbauarbeit – alle Zelte wieder ab und verlassen das Camp, da es zu gefährlich für uns ist; an einem anderen Tag fallen auch Schüsse gegenüber dem Camp.

Reihum macht immer einer der Volontäre das warme Abendessen für alle; hier bin ich zu sehen beim Äpfel schälen und schneiden für ein Kompott und Apfdelcidre.

Unsere Pausen verbringen wir immer abwechselnd im Auto. Hier sehe ich auch einen jungen Mann, der eine Schutzfolie auf dem Boden ausbreitet, sich die Schuhe auszieht und beginnt in diesem ganzen Durcheinander hier zu beten – beeindruckend!


Regen ist hier allgegenwärtig; es ist herzzerreißend zu wissen, dass diese etwa 400 Menschen unter diesen Umständen in feuchten Kleidern und in defekten nassen Zelten zur Ruhe kommen müssen.


Nach zwei Wochen Einsatz bei “Charitable Roots” wechsle ich zu einer weiteren Organisation am gleichen Platz: “Salam” (=Frieden), um meine Sicht der Dinge zu weiten.

Für weitere Informationen zu dieser Organisation hier der Link (dort kann man mit dem Klick auf die deutsche Fahne auch die Übersetzung lesen):

Meine Hauptaufgabe ist es hier, vormittags mit meinen Kollegen / Kolleginnen das Essen zuzubereiten. Kartoffeln und Möhren schälen, Salat vorbereiten, Brot schneiden etc. Gegen Mittag wird dann das vorher gekochte warme Essen an die Menschen in Bewegung verteilt. Wir werden immer sehnlichst erwartet und es gibt oftmals Gedränge und Aufregung, wenn sich einzelne Menschen vordrängeln wollen.

Eine andere Organisation bringt alle paar Tage leere Holzpaletten, damit die Zelte im “Dschungel” nicht im Wasser stehen. Die Paletten werden aber meistens als Brennholz genutzt, um wegen der Kälte auf dem Platz ein wärmendes Feuer zu haben.

Auf Nachfrage erfahre ich, dass viele Geflüchtete aus Eritrea kommen und man berichtet mir auch den Grund:

Sie erzählen mir, dass in Eritrea vom dortigen Diktator angewiesen ist, dass jeder und jede zum Militär gehen muss. Sie unterschreiben ein Papier auf dem vermerkt ist, dass sie sechs Monate dienen müssen (das sei jedoch nur Formsache, es sei wichtig, um die internationale Gemeinschaft zu täuschen / zu beruhigen). Aber meistens sei es so, dass sie ihr Leben lang dienen müssten, weil es dem Diktator so gefalle und das Papier sei nichts wert…

Heute gegen 15:00 geht eine Schlange von etwa 50 Menschen am Camp vorbei Richtung Strand. Sie haben einen Schleuser gegen viel Geld gefunden und warten am Strand auf die Dunkelheit zum Starten. Ein kleines 5- jähriges Mädchen läuft nebenher und ein Baby wird auf dem Arm getragen… es ist herzzerreißend, hoffentlich schaffen sie es.

Einen Tag später erhalten wir über unsere Kanäle die Mitteilung, dass 290 Menschen in fünf Booten die Überfahrt geschafft haben. Was erwartet sie wohl in England….werden sie direkt wieder zurückgeschickt? Wahrscheinlich Person für Person, da England und Frankreich einen Vertrag geschlossen haben: “One in – one out”.

Hier ein paar Eindrücke unserer Arbeit bei “Salam”.

Nach drei Wochen beende ich meinen diesjährigen ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe-Einsatz.

Ich bin wieder vielen wunderbaren Menschen in Bewegung und ihren Lebensgeschichten begegnet; ich habe Kollegen/Innen kennengelernt, die teils seit mehr als 20 (!) Jahren (bei “Salam”) diese ehrenamtliche Hilfe leisten.

Traurig bin ich, weil ich diese unwürdigen Zustände für Geflüchtete nun bereits seit vielen Jahren persönlich erlebt habe und es so gut wie keine Verbesserung gibt. Europa hat immer noch keinen würdigen Umgang mit diesen Menschen und ihrer verzweifelten Lage gefunden.

Sehr dankbar bin ich für Eure großzügige Unterstützung mit Spenden aller Art, die dort vor Ort viel geholfen hat.

“Es gibt nichts Gutes – außer man tut es!” (Erich Kästner)

Euer Michael


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Kommentare

8 Antworten zu „Dankbar sein“

  1. Avatar von Christel
    Christel

    Gott sei Dank gibt es noch Menschen wie dich! Das lässt für die Zukunft unserer Erde doch noch hoffen!

    1. Avatar von michael
      michael

      Liebe Christel,

      vielen Dank für Deine Anerkennung, das bedeutet mir viel. Ganz herzlichen Dank noch einmal für Deine grosszügige Spende. Michael

  2. Avatar von Christiane Kunst
    Christiane Kunst

    Ja, da kann ich mich nur anschließen: Gottseidank gibt es Menschen wie Dich und die „Kollegen/innen“, denen Du bei dieser wichtigen Aufgabe begegnest! Auf der anderen Seite ist es wirklich völlig unverständlich, wie Behörden in Europa mit dem ja seit über zehn Jahren bereits andauernden Problem (genau genommen eigentlich eher NICHT) umgehen. Dass die Polizei die Schleuser unbehelligt lässt, lässt darauf schließen, dass alle hoffen, die Flüchtigen so wieder loszuwerden. (Oder/und sie werden möglicherweise „geschmiert“?!) Ich kann Euch, die Ihr unermüdlich wenigstens das Nötigste für diese Menschen bereitzustellen versucht, nur danken für diese Arbeit!

    1. Avatar von Susanne Habert

      Liebe Christiane. Da bin ich voll deiner Meinung. Länger schon denke ich, dass da ne Menge schief läuft in allen möglichen Ländern. Nicht nur bei uns in Deutschland. Und wenn man die aktuellen Nachrichten hört, wird es nicht weniger werden mit Menschen, die auf der Flucht sein werden, ob aus dem Iran oder woher auch immer. Kriege gibt’s ja leider zu viele. Da können wir wirklich nur dankbar sein.
      Ich bin auch stets dankbar, dass Micha das macht, und besonders dankbar, wenn er wieder zurück zu mir kommt.
      Beste Grüße von Susanne an euch. 🫶

  3. Avatar von Marion Wolf-Stein
    Marion Wolf-Stein

    Wie dankbar müssen wir für unser friedliches Leben in Deutschland sein!
    Man muss nur mal über den Tellerrand schauen.
    Güte dass es selbstlos Helfer für diese armen Menschen gibt!

    1. Avatar von michael
      michael

      Liebe Marion,

      danke für Deinen Kommentar. Du hast recht….wie dankbar müssen wir sein.

      Michael

  4. Avatar von Wolfgang
    Wolfgang

    Auch von Martina und mir den allergrößten Respekt für Dich und die anderen Helfer!! In einer immer kälter werdenden Welt mit zunehmendem Egoismus und Gewalt gibt Eure Hilfe doch etwas Hoffnung.
    L.g. aus Merten

    1. Avatar von michael
      michael

      Guten Abend ihr lieben,

      danke für euren Kommentar und Eure Anerkennung meiner Arbeit.
      Michael

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