Lesbos früher und jetzt

Ihr Lieben,

meine Zeit hier in Griechenland neigt sich nun langsam dem Ende zu, meine dreimonatige ehrenamtliche Flüchtlingshilfe in Thessaloniki bzw. jetzt auf Lesbos endet in weniger als drei Wochen.

Zeit Resümee zu ziehen, zurück zu gehen und zurück zu blicken, nach vorne zu schauen und vorwärts zu gehen.

Hier nun zunächst…

…ein Schritt und Blick zurück und ein Blick in das Jetzt.

Im nächsten Blog von meiner Zeit auf Lesbos werde ich dann meine eigentliche Arbeit beleuchten.

Als ich mit dem Flugzeug von Thessaloniki über dem Wasser Lesbos erblickte, erkannte ich bereits von oben bekannte Häuser und Straßen. Alles war in strahlenden Sonnenschein getaucht und ich hatte das Gefühl, willkommen zu sein.

Nach meinen früheren Einsätzen auf Lesbos, in Bosnien und Thessaloniki war es schön für mich, nicht wieder alle Wege und Abläufe neu kennenlernen zu müssen. Obwohl gerade das sich auf Neues und Unbekanntes einzustellen mich in meiner persönlichen Entwicklung sehr weit voran gebracht hat.

Bevor ich bei „One Happy Family“ anfing zu arbeiten, hatte ich ein paar Tage frei.

Für mich war und ist es immer wichtig, mich in eine besondere  Situation vorher etwas einzufühlen.

Und so mietete ich mir ein kleines Auto und machte mich zunächst auf den Weg zu dem alten Flüchtlingscamp Moria.

Ihr erinnert Euch vielleicht:

Am 09. September 2020, also gerade erst vor einem Jahr, ist das alte Moria abgebrannt und es spielten sich fürchterliche Szenen dort ab.

Die beiden Moderatoren Joko und Klaas hatten gegen ihren Arbeitgeber „Pro 7“ gespielt und gewonnen. Deshalb hatte ihnen der Sender 15 Minuten Sendezeit geschenkt und die beiden haben das genutzt, um eine Woche nach dem Brand auf die Situation im alten Moria bzw. auf die Situation nach dem Brand aufmerksam zu machen, das finde ich richtig gut.

Dieses kurze Video könnt ihr hier sehen oder weiter unten Bilder des abgebrannten Moria sehen:

https://youtu.be/XRqN9E9boCY

Als ich nun dort ankam, bot sich mir ein immer noch schlimmer Anblick:

Verkohlte Überreste, teilweise Photos, sogar gut erhaltene Fotos von Asyldokumenten:

All‘ das erzählte mir die Geschichte der Menschen in Bewegung, die in dieser schlimmen Nacht alles zurücklassen mussten, um ihr Leben erneut zu retten, nachdem sie bereits auf den maroden Booten auf der Flucht im Mittelmeer um ihr Leben bangen mussten.

Während  ich dort herumging, begegnete mir ein polnischer Kameramann, der mit seinem Kollegen dort Filmaufnahmen für das polnische Fernsehen machte. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, dass er erschüttert sei, wie wenig seine Landsleute über die Zustände auf der Insel wüssten und er mit seinen Aufnahmen dazu beitragen wolle, dass sich die Ressentiments gegen Geflüchtete in seinem Land verringern.

Kawthar und ihr Ehemann Zinar kommen aus Afghanistan und beide mussten den Brand mit erleben. Kawthar hat diese Gefühle von damals in ihrem Bild festgehalten.

(Übrigens könnt ihr dieses Bild in der Größe 50×70 cm noch bis zum 25. November ersteigern, alle Informationen dazu findet ihr hier, Kawthar und Zinar werden sich sehr freuen!

https://www.betterplace.me/dein-weihnachtsgeschenk-staerkt-gefluechtete

Anschließend fuhr ich an das andere Ende der Insel, um mir den sogenannten „Friedhof der Rettungswesten“ anzuschauen, den ich bereits mit meinem Sohn Jesko 2019 besucht hatte.

Er ist immer noch geöffnet, allerdings ist vieles bereits zugeschüttet worden.

Die Atmosphäre war jedoch nach wie vor bedrückend.

Den Abschluss meiner Inselreise in diesen Tagen bildete dann ein weiteres altes Flüchtlingscamp sowie das neue Moria, hier auch Moria II genannt.

Neben dem jetzigen Moria II liegt das frühere Camp „Kara Tepe“.

Es war schon vor dem Brand ein einigermaßen erträgliches und „gutes“ Camp für Familien mit Kindern. Es liegt direkt neben Moria II und wie auf den Bildern zu sehen ist, war es kreativ gestaltet, nun steht alles leer. Jetzt waren noch Lampen, Solarpaneele und Klimaanlagen installiert, wahrscheinlich alles auch mit europäischen Geldern finanziert.

Warum es nicht mehr genutzt wird?
Wahrscheinlich weil es nicht so gut abgeschottet werden kann und nicht so abschreckend wirkt wie das jetzige Moria II.

In das jetzige Moria II kommt man nicht herein – außer registrierte NGO‘s – es ist mit Betonplatten rundum gesichert, ein bis zwei große blaue Polizeibusse  inklusive Polizisten mit Schutzschildern halten davor ständig Wache und es gibt zusätzlich einen Sicherheitsdienst am Eingang.

Innen gibt es Container zum „Wohnen“ oder große Zelte für viele Menschen.
Die Menschen in Bewegung harren hier nach wie vor teilweise zwei bis drei Jahre aus, ehe sie die Erlaubnis erhalten, die Insel in Richtung Festland oder in Richtung „Gelobtes Land“ Deutschland zu verlassen.

Solange sie hier sind, dürfen sie das Camp nur zu bestimmten Zeiten und von Woche zu Woche an verschiedenen Tagen verlassen, den Rest der Zeit sind sie gefangen, das muss ich in aller Deutlichkeit so sagen.

Seit die Europäische Union die Verwaltung der Hilfsgelder für Menschen in Bewegung an die griechische Regierung übergeben hat, erhalten die Geflüchteten hier auf der Insel deutlich weniger Geld und manchmal nur verspätet oder gar nicht.

Die griechische Küstenwache, technisch hoch gerüstet und finanziert von uns und mir als europäischen Steuerzahlern, fängt weiterhin Flüchtlinge auf ihren Booten vor den griechischen Inseln ab, zerstört ihre Motoren und schleppt die Flüchtlingsboote wieder zurück auf das offene Meer….(im Internet findet man dazu zahlreiche Videos der verschiedenen NGO‘s).

All’ das ist eine europäische Schande!!!

Nach diesem weiterhin erschütterndem Bericht über die Situation – ich kann und möchte es Euch aber auch nicht ersparen – werde ich im nächsten Blog berichten, wie ich mich als kleiner Lichtblick hier bei „One Happy Family“ eingebracht habe.

Euer Michael

4 Antworten auf „Lesbos früher und jetzt“

  1. Warum ist es so schwer für Europas führende Kräfte, den Menschen in Bewegung zumindest Einlaß in die eigentlich freieren Länder zu gewähren; damit sie hier wenigstens Hoffnung haben können. Warum muss es ihnen hier in Europa schlechter gehen, als Mördern und Straftätern, die es meist warm im Gefängnis haben, Wasser und funktionierende Sanitäranlagen, sowie ausreichend Mahlzeiten. Was geht in einer Person vor, die andere hilflose und unschuldige Menschen verprügeln, zurückweisen und niedermachen? Und dafür auch noch Geld bekommen, während die hilflosen Menschen nichts mehr haben. Und verständlicherweise oft auch keinen Lebensmut mehr. Erleben wir da noch ein Ende? Ich bete und bitte darum. Und danke dir für die erneuten Infos zum Hinschauen und hoffentlich Handeln können. Nanni

  2. Hi Micha,
    erneut erinnert… wie gut, dass du die Kraft zur direkten Hilfe hast!!!
    Für die letzten Wochen dort alles Gute. Es bleibt das „Prinzip Hoffnung“ und die Umsetzung des Grundsatzes: „es gibt nichts Gutes, außer man tut es“,
    mit nachdenklichen Grüßen, Jutta

  3. Ihr Lieben,

    danke für Euren Kommentar.

    Ja, da hast Du recht, es bleibt nur das Prinzip Hoffnung und eine große Nachdenklichkeit.

    Für mich persönlich ist es aufgrund meiner Familiengeschichte immer wieder der Herzensantrieb, los zu gehen und zu handeln.

    Micha

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