Bosnien und Herzegowina Teil 1 – Der Krieg, die Folgen und viele Erinnerungen daran

Wenn wir schon öfter in unseren vorangegangenen Blogeinträgen von Denkmälern und Gedenkstätten des 2. Weltkrieges berichtet hatten dann, weil es uns stets betroffen macht als Erben der deutschen Geschichte; auch weil wir stets daran erinnert werden an diese Zeiten, in denen unsere Eltern und Großeltern zum Teil zwangsweise mitwirken mussten, wollen wir uns immer und überall dafür einsetzen, dass so etwas nie wieder geschehen möge.

Leider leben wir auch heute in einer Zeit, in der immer irgendwo auf der Welt noch Menschen ausgegrenzt werden (auch in Deutschland) und Kriege herrschen. Als junge Erwachsene mussten wir in den 90ern über die Nachrichtensender und Zeitungen miterleben, wie im ehemaligen Jugoslawien ein erbitterter Bürgerkrieg stattfand.

Schon in Kroatien sahen wir an manchen Stellen noch die Schäden, die der Krieg hinterließ; jedoch in Bosnien – Herzegowina (BiH), dem mittleren Teil vom ehemaligen Jugoslawien, tobte der Krieg so heftig, dass wir hiermit in Gedenken an die vielen Menschen, die ihr Leben hier oder bei irgendeinem Krieg lassen mussten und denen, die immer noch mit schweren Verlusten und Erinnerungen leben, einen extra Blogeintrag widmen.

In Mostar zeigt uns Ibrahim, der nette Stellplatzinhaber von Buna, einige Stellen und Hausruinen und erklärt uns, dass die Scharfschützen sich in den Hochhäusern versteckten und von oben auf alles schossen, was sich bewegte. Die alte bekannte Brücke war völlig zerstört wie ebenso die meisten Häuser in der Altstadt.

Die vielen Berge machten es insbesondere den Serben möglich, Städte die im Tal liegen, einzukesseln und zu beschießen.

Ibrahim berichtet, dass sein kleines Dorf komplett zerstört war und sich erst seit ein paar Jahren hier wieder Menschen ansiedeln.

Die Serben, die ein Großserbien wollten, belagerten BiH und übernahmen die Oberhand der damaligen jugoslawischen Armee, sodass die Bosniaken weder eine Armee hatten noch Möglichkeiten zur Verteidigung.

Der Beginn des Konflikts begann auf den Hügeln von Sarajevo. Es hieß, mit der Aufstellung der Truppen wolle man die Stadt vor seinen Feinden schützen. Die Einwohner ahnten nicht, dass der eigentliche Feind die jugoslawische Armee war, die die paramilitärischen Verbände der „SDS“ (Srpska Demokratska Stranka) unter der Führung von Radovan Karadzic mit schweren Waffen unterstützte.

Serben in BiH wurden schnell davon überzeugt, dass das Land BiH eigentlich Serbien sei und sie für dieses Land kämpfen müssten. Es wurde Hass zwischen Nachbarn, Kollegen, Mitschülern und Studenten geschürt und verbreitet. Mit diesem „Erfolg“ begann der Krieg 1992 in Bosnien – Herzegowina.

Einige Städte, besonders die, die an der serbischen Grenze lagen, wurden von den Serben schnell besetzt und die Serben begannen mit sogenannten „ethnischen  Säuberungen“. Die Einwohner der Städte wurden entweder ermordet, vertrieben oder in Konzentrationslager gebracht. Alle Appelle der internationalen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen, das Töten zu beenden, schlugen fehl; auch die Entsendung von UN-Beobachtern konnte die Serben nicht stoppen.

Tausende Menschen verloren bei diesem Krieg ihr Leben. Es gibt unzählige Friedhöfe, besonders in Sarajevo. Hier liegen Muslime, Christen, Juden und orthodoxe Menschen wie Nachbarn zusammen. Besonders beeindruckend finden wir die Trauerkapellen, die in einem Halbkreis nebeneinander stehen. Sie strahlen eine friedliche Gemeinschaft aus, als ob es immer so hätte sein sollen:

Die christliche mit dem Kreuzzeichen, die muslimische daneben mit dem Sichelmond und Stern, daneben die jüdische mit dem Davidsstern und schließlich die orthodoxe Kapelle. Weithin reichen die Kreuze und weißen Grabsteine und irgendwie ist es eine Mischung aus fröstelndem Schauer, Entsetzen, Scham, Erschrecken und Trost, als wir den Friedhof am Berg schweigsam und andächtig besteigen.

An jeder Straßenecke, an jeder Straße stehen dutzende zerstörter, zerbombter und von Granaten zerlöcherter Häuser oder ganze Häuserwracks, die aus Mangel an Material und vor allem an Geld bis heute nicht renoviert werden konnten.

Besonders betroffen macht uns der Park mit dem Gedenkbrunnen der Kinder. Hier wurde den tausenden gestorbenen Kindern ein Denkmal gesetzt mit Namen und Altersangabe der Kinder, die bei Anschlägen allesamt ihr Leben lassen mussten.

Auch Fehima und Omer, die im Krieg mit ihrem damals knapp zehnjährigem Sohn Hikmet nach Deutschland flohen und dort bis zum Kriegsende lebten, berichten uns immer wieder in Abständen von den Schrecken und Verlusten, die dieser Krieg ihnen persönlich brachte.

Direkt gegenüber von Hikmets neu gekaufter Wohnung steht ein Hochhaus, welches auch damals in den Zeitungen abgebildet war. Die ganze eine Seite zum Berg hin war zerstört, verbrannt und einfach nicht mehr da. Man hat in den letzten Jahren viel Arbeit und Kosten gehabt, um diesen vorderen Teil wieder aufzubauen; für den restlichen Teil des Hauses fehlt noch das Geld für die Renovierung; dennoch leben die Menschen hier in diesen Wohnungen (Fotos oben).

Wir haben Fehima und ihre Familie besucht. Sie wohnen nun in der Nähe von Sarajevo. In Deutschland hatte Fehima damals Michas Eltern im Haushalt geholfen, während Omer in vielen anderen Bereichen tätig war, um ein wenig Geld zu verdienen. Beide sprechen gut Deutsch und haben auch heute noch einen regen Kontakt zu Michas Familie und Geschwistern. Immer wieder mal fahren sie zum Arbeiten für ein paar Wochen nach Deutschland. In Deutschland verdienen sie mehr als in Bosnien und bekommen für die wenigen Jahre Arbeit in Deutschland umgerechnet mehr Rente, als in den vielen Jahren, die sie vorher in Bosnien (Jugoslawien) gearbeitet hatten. Hikmet spricht perfektes Deutsch: Er hatte ja in Deutschland 5 Jahre die Schule besucht.

Omer berichtet, das ein Onkel von einem Scharfschützen durch das kleine  Badezimmerfenster erschossen wurde, während er schnell vom sicheren Keller oben in seiner Wohnung die nötigen Herztabletten holen wollte. Diese und andere Erinnerungen sind sehr traurig und ergreifend und sie prägen mehrere Generationen. Sie schüren keinen Hass, aber es ist auch keine wirkliche Freundschaft mit den ehemaligen Gegnern möglich. Omer sagt: „Ich gebe einem Serben die Hand, aber nicht mein Herz!“.

Wir können das verstehen.

Ihr ganzes für ihren Sohn gespartes Geld war nach dem Krieg mit der aufgelösten und zerstörten Bank weg und es gab keinerlei Versicherung, die es zurück zahlen konnte. Wie hätte das auch sein können: Es gab keine Versicherungen, aber viele tausende Menschen, die ihr Hab und Gut und ihre Liebsten verloren.

Viele Bosniaken ziehen in die großen Städte, denn in den Dörfern finden sie noch weniger Arbeit. Wir sprechen mit verschiedenen Menschen auf den Stellplätzen, in Cafés und Restaurants – alle, aber besonders die jungen Menschen, haben keine Perspektive. Sie suchen Arbeit und fragen uns, ob man in Deutschland besser eine Arbeit finden könne. Hier in BiH gehe es einfach nicht weiter, man trete auf der Stelle.

Die Tochter von Nihad, die mit ihrer Schwester den kleinen elterlichen Stellplatz betreibt, hat studiert, aber sie findet keine Stelle. Ebenso ergeht es Almedina, der Tochter von Omers Bruder Enver und seiner Frau Fadila. Almedina ist 24, hat Chemie studiert und wartet, bis sich irgendetwas irgendwann ergibt. Seit ein paar Jahren hat sie einen netten und lieben Freund. Er arbeitet als Imam in einer Moschee; so werden beide sehr wahrscheinlich bald heiraten und Kinder bekommen, denn das Warten auf eine andere Arbeit bringt wenig Erfolg.

Das Elternhaus in Janja, dem Geburtsort von Omer war nach dem Krieg von Serbern besetzt. Enver hat das Haus mit viel Mühe und Bürokratie von den Serben wieder zurück bekommen und in eigener Arbeit weiter ausgebaut. Auf dem sehr großen Eltern- Grundstück hat sich auch Omer und ein dritter Bruder ein Haus gebaut. Der Rest des Grundstückes wird liebevoll von Enver und Fadila bewirtschaftet und die reichhaltigen Erträge von Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Karotten, Lauch und etlichem anderen Gemüse, sowie Blumen könnten locker verkauft werden. Jedoch Fadila verschenkt sehr viel davon den Nachbarn, ihren alten Eltern und auch an uns, als wir sie in Janja besuchen.

Sie ist den Deutschen so dankbar, weil sie dort während des Bosnien-Krieges stets nur nette und hilfsbereite  Menschen getroffen hatte, die ihr und ihrer Familie geholfen haben. Das will sie nun mit ihrem großen Herz und ihrer herzlichen Gastfreundschaft wieder gut machen.

Fadila, Enver,  2. TochterAlmedina, jüngster Sohn Asim
Fadila, Enver mit Tochter Almedina, jüngster Sohn Asim und wir (die älteste Tochter ist verheiratet und lebt woanders.)

Omer kommt extra noch einmal nach Janja, um uns zu sehen. Der Weg von Sarajevo dauert ca. 3 Stunden Fahrt. Es gibt keine Autobahn auf dem Weg, aber einige Baustellen und so dauert es meist noch länger. Zusammen mit uns und  Omers Freund, der im Krieg ein Bein verlor und vor kurzem für 10 Wochen nach Deutschland fuhr, um sich dort eine Beinprothese anpassen zu lassen, gehen wir an den naheliegenden Fluss Drina. Der Fluss ist quasi geteilt und in dessen Mitte verläuft die Grenze zu Serbien. Vor ein paar Jahren gab es eine Fähre zur serbischen Seite, weil viele Bosniaken dort noch Verwandte, ein Gundstück und vor allem drüben ihre Arbeitstelle hatten. Doch es gab zu wenig Geld als Unterstützung von der Regierung und das privat geführte Fährunternehmen musste aufgegeben werden. Das Wrack der Fähre rostet nun am bosnischen Flussuferrand bei Janja vor sich hin.

Unterwegs fällt uns auf, das auf den Straßen in BiH übermäßig viele alte VW Golf herumfahren. Später in einem Museum sehen wir in einem Film, der während des Kriege von mutigen Menschen gedreht wurde, das in den Städten viele Menschen mit ebendiesem VW Golf II halsbrecherisch den Scharfschützen (den sogenannten „Snipern“) versuchen zu entkommen. Omer gibt uns folgende Erklärung dazu: Es gab während des Krieges so gut wie kein Benzin – und wenn, dann nur für Militärfahrzeuge – , sodass Autos nicht fahren konnten. Der VW Golf II allerdings war ein sehr robustes Auto, was mit sogenanntem Trafoöl betrieben werden konnte, welches die Menschen in den zerschossenen Fabriken abzapften. Insofern sind die Bosniaken auch heute diesem Auto noch sehr verbunden und fahren es sehr gerne und lange.

Wir besuchen den „Tunnel des Lebens“. Dieser Überlebenstunnel hat vielen Menschen das Leben gerettet; laut Registrierung mehr als vier Millionen Menschen während der Kriegszeit.

Der geheime Tunnel, in nur vier Monaten mit Schaufeln und Hacken erbaut, war lebensnotwendig für die Menschen und einziger Weg in die für vier Jahre belagerte Stadt Sarajevo, um Krankentransporte, Medikamente, Essen, Waffen, Ziegen und vieles mehr zu befördern. Er maß 800 Meter Länge und ca. 1,50 Meter Höhe und führte von dem Vorort Butmir nach Dobrinja (und wurde Projekt „D-B Communication“ genannt).

Teilweise war der Tunnel nur 80 cm hoch und die Menschen mussten bückend oder kriechend hindurch und besonders bei Überflutung an manchen Tagen bis zur Schulter im Wasser vorwärts kommen. Der Tunnel wurde unter der Fluglandebahn des Flughafens (der Flughafen war durch eine Vereinbarung zwischen den Serben und der UN für die UN, aber ausschließlich für deren Flüge reserviert und praktisch neutrales Gebiet) gebaut. Etwas später wurde er noch mit einer Pipeline (Benzin) und Starkstromkabel zur Kommunikation ausgestattet und die Durchquerung war daher besonders gefährlich.

Nur durch diesen Tunnel war es möglich, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen und die wichtigsten Dinge herbei zu schaffen, denn oberhalb schossen die serbischen Scharfschützen von den Bergen auf jede Bewegung.

Wir sind ein wenig erfreut, als wir erfahren, dass Deutschland bei manchen wichtigen Begebenheiten half, zum Beispiel der Spende des Stromkabels, welches durch den Tunnel bis zur Berghöhe reichte; auch war unser Land das erste große europäische Land, welches Bosnien – Herzegowina als souveränen Staat anerkannte (andere Länder folgten dann); vielleicht sind uns (Deutschen) auch dafür viele Bosniaken bis heute dankbar.

Unterwegs stoßen wir immer wieder auf Gedenksteine, auf Grabsteine an den Strassenrändern und Erinnerungssprüche an Hausfassaden.

Schließlich fahren wir noch zur Gedenkstätte Srebrenica nahe der serbischen Grenze. Wir sehen kein Hinweisschild auf dem ganzen Weg dorthin. Nur wenige Besucher sind am Ort selber; zwei Holländer, ein serbisches Auto und zwei Autos mit bosnischem Kennzeichen stehen neben uns. Gegenüber ein kleiner Souvenirshop und ein Polizeiauto. Es ist still und andächtig. Schweigend gehen wir durch den Eingang. Irgendwie haben wir beide das Bedürfnis den über 8000 ermordeten Muslimen unsere Ehre und unser Mitgefühl mehr ausdrücken zu können, wenn wir mit langen Hosen und ich mit bedeckten Schultern und einem Tuch über meinem Kopf zur Gedenkstätte zu gehen.

Weiteres schreiben wir hierüber nicht, die Bilder sprechen für sich.

Was macht das alles mit uns?

Während wir den Bericht schreiben, überkommen uns immer wieder trotz der warmen Außentemperaturen kalte Schauer und einige Male müssen wir echt kurz innehalten, bevor wir weiter schreiben können.

Wir können wirklich so froh  sein, dass wir in einem Land leben dürfen, in dem nun nach zwei Weltkriegen Frieden herrscht. Wir sind dankbar, dass wir „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ geboren wurden.

Mit diesem Blog möchten wir jeden und uns daran erinnern, sich für den Frieden einzusetzen, wo immer es nötig ist.

In unserem nächsten Blog „Bosnien – Herzegowina Teil 2“ möchten wir Euch dann von den den fröhlichen Erlebnissen, sowie den Schönheiten dieses Landes berichten, denn davon hat es ebenso jede Menge.

Mit herzlichen Grüßen, bis bald

Eure SuMi mit dem TrauMobil

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