Tour de France – Teil 3 – Vom Atlantik zum Mittelmeer

Als wir in  dem kleinen Ort Angoulins endlich den richtigen Stellplatz gefunden haben, bleiben wir gleich für ein paar Tage dort; denn der Stellplatz (Rue du Chay) liegt nur fünf Minuten vom Strand entfernt, wo es auch eine Stranddusche und eine Toilette gibt. Obwohl es schon Mitte September ist, gehen wir im Atlantik schwimmen und brezeln am Strand.

Wir umrunden zu Fuß die Küste und sehen von den verschiedenen Aussichtspunkten die ‚Ile d’Aix‘, die ‚Ile de Ré‘ sowie den in der Nähe befindlichen Hafen von La Rochelle. Wir beschließen nicht in diese größere Stadt zu fahren, genauso wenig wie auf die o.g. touristenüberladenen Inseln. Bei einer kleinen Radtour entdecken wir im Ort die einzige Boulangerie (Bäckerei) und erstehen dort ein leckeres Vollkornbrot, welches uns die nette deutsch sprechende Verkäuferin empfiehlt. Sie hatte tatsächlich deutsch studiert, weil sie Lehrerin werden wollte, ist aber dann doch irgendwie im Dorf geblieben und arbeitet nun in der Bäckerei. Mit frischem Brot und frischem Wasser von der in der Nähe gelegenen Wasserzapfsäule fahren wir dann weiter.

Dieses Mal ist die Strecke etwas länger da wir beschließen, spontan nach Toulouse zu fahren (also doch eine große Stadt). Ausnahmsweise buchen wir in dieser großen Stadt für einige Tage einen Campingplatz (Chemin du pont de Rupé). Während Susanne sich hier ausgiebig mit Lesen, Wäsche waschen, leckerem Kochen, Häkeln und anderen wichtigen Dingen beschäftigt, entdeckt Michael für ihn Interessantes in Toulouse; davon berichtet er nun.

Dieses Foto mit dem schönen Canal lateral a la Garonne hat mich zunächst sehr beeindruckt. Weit mehr hat mich allerdings bewegt, was ich dann gesehen habe, als ich mit dem Fahrrad fünf Kilometer entlang dieses Kanals fahre:

Direkt neben dem Fahrradweg hinter kleinen Hecken  – in Sichtweite von Wohnblocks, Straßen und Industrieansiedlungen- leben auf einem etwa drei Kilometer langen und etwa fünf Meter breiten Streifen viele Menschen ohne Obdach in Holz- und Plastikhütten, zusammengehalten mit unserem  Wohlstandsmüll. Ich bleibe einige Zeit dort stehen und nehme in mich auf, was ich sehe, wie die Menschen durch das Aufräumen in ihrem für mich scheinenden ‚Chaos‘ versuchen eine Ordnung hin zu bekommen, wie sie miteinander sprechen. Ich mache keine Fotos davon, weil ich sie nicht in ihrer Privatsphäre stören will. Mit einem Gefühl von Schwermut, Wut über die Verhältnisse und Dankbarkeit für meine privilegierte Luxussituation fahre ich dann wieder nach Hause und nehme mir vor, weniger als bisher voreingenommen gegenüber Menschen zu sein, die ich solcherart erleben werde.

Der Hauptarm Canal du Midi ist übrigens Weltkulturerbe. ………

Mit der Tram fahre ich vormittags weit vor die Tore von Toulouse ins ‚Musée Aeroscopia’. Hier wird die Geschichte der Luftfahrt von den Anfängen bis heute erzählt; es wird allerdings für meinen Geschmack zuviel erzählt von der Entwicklung der Firma ‚Airbus‘,  die ja neben Frankfurt in Toulouse beheimatet ist.  Ein großer Airbus ist auch ausgestellt, den man auch begehen kann. Anhand der Fotos mit einem Besprechungsraum, einer Küche und einem Badezimmer kann man den Luxus erahnen, den sich manche Konzernlenker und andere mit diesem Flugzeug gönnen/erlauben.

Auch die frühere ‚Concorde‘  ist dort begehbar, aber es wird zum Beispiel mit keinem Wort der schreckliche Unfall im Juli 2000 erwähnt, bei dem über 100 Menschen ihr Leben verloren. Ich kann mich an diesen  Unfall noch gut erinnern, da ich die Bilder des Unfalls beim Rückflug von Mallorca vom dortigen Familientreffen im Flughafenfernsehen gesehen hatte. Also den Besuch dieses Museums kann ich nicht empfehlen, dafür aber um so mehr den Besuch des ‚Ailes Anciennes Toulouse‘.

Hier haben luftfahrtbegeisterte Amateure viele ausgemusterte Flugzeuge zusammengetragen, teilweise mit umgebauten Autoanhängern und ähnlichem und aus aller Herren Länder herbeigeschafft.  Dann haben sie diese in teilweise jahrzehntelanger ehrenamtlicher Arbeit mit Anstrich etc. wieder in ihren Originalzustand versetzt. Das Besondere ist auch, dass es eine deutsche Informationsmappe gibt, die zum einen technische Details, aber auch viel zu der Geschichte der einzelnen Fluzgzeuge erzählt; beispielsweise dass das größte  Flugzeug dort einige Zeit Bokassa dem 1., dem selbst ernannten Kaiser der Zentralafrikanischen Republik, bis zu seinem Sturz 1979 als Transportmittel diente. In diesem Freilichtmuseum halte ich mich fast drei Stunden auf, so interessant ist es und der günstige Eintritt von 5,00€ ist dafür wirklich mehr als wert- also insgesamt empfehlenswert.

Gemeinsam erkunden wir dann Toulouse per Pedes, Fahrrad und Bus. Weil dies so viel ist, erwähnen wir nur kurz die für uns schönsten Plätze: Ein Rundweg durch die verschiedenen Parks und Gärten mit vielen tropischen Pflanzen.  Im ‚Jardin des plantes‘ (botanischer Garten) kommen auch Kinder voll auf ihre Kosten, denn es gibt für sie überall Spiel- und Spaßmöglichkeiten. Der Garten ‚Grand-Rond‘ wurde im 18. Jahrhundert angelegt und hat in seiner Mitte einen schönen Springbrunnen sowie einen Pavillon, auf dessen Bänken wir im Schatten sitzen und ausruhen. Der Garten  ‚Jardin Royal‘ war der erste öffentliche Garten in Toulouse. Im Jahr 1754 wurde dieser königliche Garten angelegt und beherbergt zahlreiche Pflanzenarten, wie Kaki, Magnolien sowie viele Statuen, unter anderem die von Saint – Exupéry mit dem kleinen Prinzen.

Die von alten Bäumen gesäumte Straße ‚Ozenne‘ ist mit den schönen Architekturen vom 16. – 20. Jahrhundert sehr sehenswert. Gleich neben dem ‚Capitole‘ in einer Querstraße stoßen wir auf eine Eisdiele, die das biologisch hergestellte Eis künstlerisch als Rose in der Waffel anbietet. An dem großen Fluss ‚Garonne‘ mit der berühmten Brücke ‚Pont Neuf‘ verweilen wir in der Sonne, bis wir mit dem letzten Bus zu unserem Campingplatz zurück fahren.

Toulouse hat wie jede Großstadt an den Häusern viel Graffiti. Dabei sind teilweise gut gelungene Kunstwerke, wie auf den Fotos zu sehen ist (auf einem geschlossenem Ladenrollo und unter einer Decke bei einem Restaurant Durchgang).

Schließlich verlassen wir die Großstadt, um ein paar wenige Kilometer weiter nach Escalquens zu Michèle und ihrem Mann Marc zu fahren. Sie war Susannes französische Brieffreundin  vor mehr als vierzig Jahren. Welch‘ eine Wiedersehensfreude! Wir dürfen im großen Haus im Gästezimmer nächtigen und tauschen auch hier rege unsere Erinnerungen und Fotos aus; die beiden Männer hören zu und nehmen gerne teil an unseren Erzählungen. Peinlich für mich (Susanne) wird es, als ich erfahre, dass ich beim allerersten Mal in Frankreich/Pontivy nicht wusste, was Crêpes sind…und versuchte es als Serviette zu benutzen. Oha, was haben da alle gelacht. An das Ereignis kann ich mich nicht erinnern. Jetzt liebe ich Crêpes in allen Variationen und „esse“ sie total gerne. Bis zum Nachmittag ist auch Michèles und Marcs Tochter Celine da und wir unterhalten uns alle auf Englisch; es geht einfach besser und schneller und wir sind dankbar, das sie Verständnis haben, denn mit unserem Französisch klappt eine Unterhaltung immer noch nicht so gut.

Mit dem Auto von „M&M“ fahren wir noch einmal gemeinsam nach Toulouse und die beiden Guides zeigen uns bei einem Spaziergang vom ‚Canal du Midi‘ bis zur ‚Garonne‘ noch andere Sehenswürdigkeiten: In der großen gotischen Kathedrale ‚Saint Etiènne‘ beeindruckt uns die sehr hoch hängende Orgel. Im ‚Capitole‘ bestaunen wir unter anderem Bilder vom französischen Künstler Henri Martin; seine Bilder wirken sehr lebendig und lebensnah. Wir erfahren, dass der Turm an der gegenüberliegenden Seite der ‚Garonne‘ zu einem alten Hospital gehörte, in dem Menschen mit Pest aufgenommen wurden; heute ist es kein Hospital mehr.  Von der Brücke ‚Pont Saint Michel‘ geht es zurück zum Auto. Mark fährt uns dann noch zur Aussicht ‚Peche David‘, einem hohen Berg, von dem man aus auf ganz Toulouse herab blicken kann.

Am nächsten Tag radeln wir alle zusammen entlang des ‚Canal du Midi‘, auf dem wir viele schöne Hausboote bestaunen. Da Marc begeisterter Radfahrer ist, hilft er Michael vorher beim Reifen flicken. In der Zeit geht Michèle mit Susanne zum Einkaufen in den Ort und zeigt ihr diesen. In der Nähe der Schule sind überall um die Bäume und Sträucher gehäkelte oder gestrickte bunte Stoffe, oder es hängen Socken und Kinderschuhe daran. Das sieht lustig aus. Den Abend genießen wir mit einem lustigen gemeinsamen Spiel.

Wir sind so froh, das wir den Kontakt nie abgebrochen haben und versprechen uns, ihn weiter aufrecht zu halten. Nachdem wir herzlich voneinander Abschied genommen haben, bekommen wir noch zwei weitere tolle Tipps von M&M für unsere Reise…

… und so gelangen wir nach kurzer Fahrt nach Carcassonne. – Nein, nicht im gleichnamigen Spiel, sondern in der Stadt im Süden Frankreichs.

Wir fahren mit unseren Rädern von unserem Stellplatz am Park direkt am ‚Canal du Midi‘ zur sehr großen Burganlage und finden uns in einem mittelalterlichen Dorf wieder.  Es besteht hauptsächlich aus Cafés, Restaurants und vielen kleinen Souvenirläden. Aber auch eine Kathedrale ist innerhalb der gerade gelb gestreiften Burganlage zu finden.

Beim Eintritt in die Kirche hören wir den wunderbaren Gesang eines Männerquartetts aus Moskau. Ganz still setzen wir uns in die Bänke und beim Zuhören bekommen wir fast  Gänsehaut, so schön singen die Männer. Als wir dann später in die Abendstimmung zurückfahren, kribbelt es immer noch in uns vom herrlichen Gesang.

Mit dem nachfolgenden Link könnt ihr es hören:

Die Nacht im Park verläuft gut, jedoch werden wir am Morgen ziemlich früh von einem anderen Männerchor geweckt. Es stellt sich heraus, dass es Soldaten sind, die ihren Morgenapell direkt an unserem TrauMobil absolvieren und mit Gesang marschieren. Mehrmals marschieren die etwa 100 Soldaten hin und her, stellen sich in Formation und singen wieder. Klar, das wir nun wach sind. Wenn auch der Gesang ganz nett klang, er hinterlässt dennoch bei uns ein leicht merkwürdiges Gefühl.

Unsere Fahrt führt uns noch weiter in den Süden durch Narbonne zum Mittelmeer.  Auf dem Weg zu einem Stellplatz in Gruissan landen wir zunächst fälschlicherweise an den Salinen der Insel ‚Saint Martin‘. Meerwassersalinen sind angelegte oder natürliche Salzgärten, die das Salz durch Verdunstung von Meerwasser freigeben. Hier kann man die Salzterrassen besichtigen und mehrere Zugvögelarten erleben, die aus weit entfernten, afrikanischen Gefilden gekommen sind, um hier auf dem Salzgarten zu nisten.

Schließlich am Stellplatz in der Nähe des Mittelmeers bei 30 Grad angekommen, springen wir in die Wellen, schwimmen mehrere Runden und liegen den halben Tag am Strand.

Beim Bummeln durch die kleine mit schmalen Gassen versehene Stadt gelangen wir zu der Kirche ‚Mariä Himmelfahrt‘ und direkt daneben zu der Burgruine Gruissan aus dem Jahre 1084. Von dort oben hat man eine herrliche Sicht auf die Stadt, die verschiedenen Salzgärten, die Häfen, den ‚Canal du Grazel‘ und das Mittelmeer. Uns beeindrucken die rötlichen Haus- und Dachfarben, die wir überall hier sehen.

Nun sind wir also vom Atlantik zum Mittelmeer gefahren und so nah an Spanien. Irgendwie scheint es mit den längeren Aufenthalten noch nicht so ganz zu klappen. Also fahren wir weiter und lassen uns überraschen, wo wir landen.

Davon berichten wir beim nächsten Mal.

SuMi im TrauMobil

 

 

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