Michael in Bewegung

Ihr Lieben,

hier nun ein Zwischenbericht aus Griechenland.

Das Startbild dieses Blogs ist das Ergebnis eines Fotokurses im „Quick Response Team“, in dessen Rahmen mehrere sehr beeindruckende Bilder entstanden sind, die von Menschen in Bewegung gemacht wurden.

Ich flog nach Verabschiedung von meiner geliebten Nanni am 06. September mit dem Flugzeug von Stuttgart nach Thessaloniki.

Während des Fluges hörte ich mein persönliches Ankommenslied in eine andere Welt, welches mich seit meiner Israelreise vor mehr als 35 Jahren immer wieder begleitet hat (Pet Shop Boys, „Se a Vida É“).

Es weckt immer sehr viele Erinnerungen und Gefühle in mir die mir helfen, diese Schritte in eine andere Welt zu gehen; genauso gibt es auch ein Wieder-zu-Hause-Lied ( Maurice Jarre, „Ghost“).

Ich bin zurzeit noch – später dazu mehr – in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt in Griechenland nach Athen. Ich wohne in einem Volontärhaus mit eigenem Zimmer zurzeit mit sieben jungen Kolleginnen (19-28 Jahre) aus verschiedenen Ländern.

Das Haus liegt in einem alten Stadtviertel von Thessaloniki, jeden Tag 30 Minuten Fußweg einen steilen Weg herunter und 30 Minuten Fahrt mit dem Bus zum Einsatz; abends natürlich dann als letzten Abschnitt den steilen Weg wieder herauf.

Auf diesen Wegen erlebte ich die verschiedenen Gesichter Thessalonikis.

Ich denke, der Verfall der Stadt ist auch der finanziellen Situation Griechenlands geschuldet; allerdings gehören auch immer Menschen dazu, die sich entweder engagieren oder denen es gleichgültig ist, wie ihre Stadt aussieht:

Ich arbeite hier in der NGO (=Nichtregierungsorganisation) „QRT“(Quick Response Team). Das Center heißt „Casa Base“, es liegt 200 m neben dem Flüchtlingscamp „Diavata“, in dem etwa 1.000 Menschen in Bewegung „leben“.

Dieses Camp besteht aus Containern – bis vor kurzem auch teilweise in Zelten, die allerdings vor einem Besuch des Ministers für Migration durch Container ersetzt wurden… – in kleinen Räumen mit kleiner Klimaanlage, in denen immer eine Familie wohnt, manchmal auch mehr Menschen.

Es ist mit Betonmauern umgeben und ein Sicherheitsdienst prüft diejenigen, die herein kommen möchten; die Menschen in Bewegung dürfen tagsüber das Camp verlassen.

Das ist allerdings die momentan gültige Regel, die sich schnell verändern kann. Beispielsweise wie auf Lesbos, wo die Menschen in Bewegung, die mit ihrer Polizeinummer auf einer Liste stehen, das Camp nur drei Mal pro Woche für drei Stunden verlassen dürfen (wenn sie das Camp an einem anderen Tag, zu einer anderen Zeit oder länger als erlaubt verlassen, werden sie von der Polizei mit einer Geldstrafe bestraft…= Willkommen in Europa).

Es ist ein sehr  trostloser Platz in der hier herrschenden Hitze (teilweise war es 36 Grad und vor meiner Zeit hier über 40 Grad).

Die Menschen sitzen hier buchstäblich  ihre Zeit ab, nachdem sie lange Wege – teilweise 1-2 Jahre – aus Afghanistan, Syrien oder Afrika durch verschiedene Länder auf sich genommen haben, um in das „gelobte Land Europa“ zu gelangen. Solange sie hier noch keine Anerkennung der Behörden haben, erhalten sie eine kleine finanzielle Unterstützung, bezahlt allerdings nicht von Griechenland, sondern von der Europäischen Union (150,00€ pro Person plus 40,00€ pro Kind, aber maximal 450,00€ pro Familie).

Nach  der Anerkennung müssen sie das Camp verlassen, leben mit Kindern auf den Straßen und müssen sich weiter nach Deutschland durchschlagen, da dorthin die meisten Menschen hingehen möchten.

Hier in meinem Einsatzort kümmern wir uns nur um Mädchen und junge Frauen, da sie im Camp unter anderem durch sexuellen Missbrauch gefährdet sind und bei uns einen sicheren Platz finden, zumindest für eine gewisse Zeit.

Angebote hier sind Deutsch- und Englischkurse, Handwerkskurse wie Macramé, Malen, Tanzkurse, Yoga, Inline-Skating, Fotokurs und von mir Clown- Teaching (immer je nachdem, welche Fähigkeiten die Volontäre hier zur Verfügung stellen können).

Nachfolgend mehrere beschriftete Bilder, die einen kleinen Einblick in die Verhältnisse vor Ort und in meine Arbeit hier geben.

Ursprünglich hatte ich ja vor, hier drei Monate zu arbeiten. Allerdings war mir hier teilweise zu wenig zu tun- zum Beispiel doch keine medizinische Hilfe, lediglich am letzten Tag; außerdem kam ich mit dem Führungsstil des männlichen Leiters nicht zurecht und mir fehlte sehr die direkte und vor allen Dingen partizipierende Zusammenarbeit mit Menschen in Bewegung.

Nach einigen Gesprächen und Überlegungen traf ich dann meine Entscheidung:

Am 29. September werde ich daher ein weiteres Mal zur ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe auf die Insel Lesbos fahren – dort war ich ja bereits 2017 mit Jesko und 2019 mit Susanne.

Dort werde ich dann bleiben, bis ich am 26. November wieder nach Deutschland zurückkehre.

Aber auch diese Zeit hier in Thessaloniki war eine gute Erfahrung für mich und ich habe auch dort wunderbare Menschen kennengelernt, die mir immer wieder deutlich gemacht haben, was Einzelne in unserer doch sehr unübersichtlichen und verwirrenden Zeit in der wir leben, Gefühlspunkte setzen können, die andere Menschen bewegen.

Denn darum geht es immer:

Menschen in Bewegung bringen und selbst in Bewegung bleiben.

Bis bald mit meinem Abschlussbericht aus Lesbos.

 

Euer Michael

4 Antworten auf „Michael in Bewegung“

  1. Hi du mein Deutschland Ausreißer. Immer wieder Danke, dass du das machst, nicht, damit ich hier in Ruhe allein sein und arbeiten gehen kann 😉. Nein ich finde es nach wie vor toll, dass es Menschen gibt, wie dich, die anderen Menschen durch ihre Hilfe das durch welche Gründe auch immer unwürdig gewordene Leben ein kleines bischen lebens- und liebenswürdiger machen. Danke. Sei gut behütet. Nanni ❤

  2. Lieber Michael,
    ich finde deinen Einsatz für diese Menschen in ihrer Notlage sehr bewundernswert!!!
    Gutes Gelingen, komme gesund wieder nach Hause,
    mit herzlichen Grüßen
    Karla

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