Menschen lässt man nicht verhungern. Punkt. (Flüchtlingshilfe in Bosnien)

Am 02. Oktober nach sieben Stunden Fahrt mit dem Überlandbus von Sarajevo aus, wo ich knapp zwei Tage bei unseren Freunden Fehima und Omer übernachtet habe, bin ich in Bihac an der bosnisch-kroatischen Grenze angekommen.

Ich habe Zlatan (Leiter), Jannick (Volontär aus Heidelberg), Jasmin (Notfallsanitäter aus Bosnien) und Aladin (Notfallsanitäter aus Bosnien),  sowie Zlatans Frau Alma und ihre Tochter Hannah kennengelernt.

Zusammen mit Jannick und Jasmin bewohne ich eine WG-Wohnung und die kroatische Grenze bzw. die davor liegenden Berge sind hier nicht weit von uns.
Anhand der gesendeten Mails und Berichte, ist nun eine Sammlung entstanden, die einen Einblick in den derzeitigen Alltag gibt.
(PS.: Zu den Fotos: Die Flüchtlinge und Helfer werden stets gefragt, ob sie mit dem Veröffentlichen der Fotos einverstanden sind. Andere werden hier nicht erscheinen.)

Zunächst hat mir Zlatan viel über die momentane Situation erzählt:
Im Oktober gibt es Wahlen hier und die Politiker profilieren sich mit Härte gegenüber den Flüchtlingen.
Das in der Nähe befindliche Flüchtlingslager Bira wurde letzte Woche nachts um 03:00 Uhr geräumt und die Flüchtlinge wurden zu einem anderen Lager in Lipa gebracht. Dieses Lager war jedoch schon fast voll und sie haben nur wenige Flüchtlinge aufgenommen.
Die Polizei sagte den restlichen vielen Menschen, sie müssten nun woanders (wo???) schlafen…
Das ehemalige Camp Bira steht derweil leer, unfassbar!
Seit einigen Tagen hat die Regierung mehreren Flüchtlingsorganisationen nicht mehr erlaubt,  zu helfen. Auch wir dürfen nur noch sehr eingeschränkt arbeiten und stehen immer unter Beobachtung.
Daher müssen wir teilweise nun etwas anders arbeiten und es ist ein Katz- und Maus-Spiel. ***
Heute Abend haben wir dann unseren VW-Bus vollgepackt mit:
Jacken, Decken, Strümpfen, Wasser, Lebensmitteln, T-Shirts und Regenponchos, die man praktischerweise auch als Zelt umbauen kann etc.
Wir sind zwei Stunden auf der Landstraße Richtung Lipa und zurückgefahren und haben im Halbdunkeln nach Flüchtlingsgruppen auf der Straße und den daneben verlaufenden Waldwegen Ausschau gehalten; manchmal sind wir auch in den Wald gefahren und haben dort nach ihnen gesucht und sie auch dort gefunden.

Wenn wir welche gesehen haben, hielten wir an und riefen ihnen zu, dass wir keine Polizei sind, sondern ihnen Hilfe bringen; das verstanden sie oft mangels Englischkenntnissen nicht, dann schwenkten wir eine volle Wasserflasche in ihrer Sichtweite und dann hat es geklappt.

Dann müssen wir aus dem Auto heraus die Sachen ausgeben und auf unsere Sicherheit achten, da Helfer auch schon einmal angegriffen werden. Zwei von uns  teilen aus, einer fährt, einer passt auf bzw. filmt das Geschehen. Je nach aktueller Situation müssen wir manchmal auch schnell wieder losfahren…

Heute hatten wir noch keine medizinischen Notfälle. Ich durfte nur zuschauen, da ich erst morgen polizeilich angemeldet werde und später meine sogenannte gelbe Karte von der Behörde bekomme die mir erlaubt, auch zu verteilen und medizinisch zu behandeln.

Das als ersten Bericht und nun gehe ich sehr müde und voller Eindrücke ins Bett. ***

Es dauerte eine Weile, bis ich meine Papiere bekam, die mich berechtigen sollen hier zu helfen. Hier ist kurz beschrieben, wie das vor sich ging:

Erst zur Behörde, dort gewartet. Dann druckte der dortige Mitarbeiter ein Papier aus, was alles erforderlich ist. Dann gingen wir in ein anderes Büro, dort mussten wir warten, bis der Chef kam und dieses Papier unterschrieb. Danach mussten wir zu einer Bank und erst wieder warten. Dort bezahlten wir dann die Behördengebühr. Dann zu einem Kopierladen und warteten in einer Schlange. Da mussten wir eine Kopie meines und Zlatans Ausweis machen. Anschließend gingen wir wieder zurück zur Behörde und mussten, ja genau – warten. Zlatan musste dann ein Papier für mich ausfüllen und dabei 20 Punkte beachten. Der dortige Mitarbeiter füllte eine weiße Karte aus und wir warteten erneut. Endlich kam der Chef der Behörde und gab seinen Segen dazu. 

Das Ergebnis ist die sogenannte weiße Karte, die mich erst einmal nur berechtigt, hier in Bihac zu sein. 

In den nächsten Tagen muss Zlatan  dann für mich noch eine gelbe Karte beantragen (das kann aber eine Weile dauern, bis es klappt), die mich offiziell berechtigt, auch Flüchtlingen zu helfen, Sachen zu verteilen und medizinische Nothilfe zu leisten. 


Wir schimpfen ja in Deutschland oft über unsere Verwaltung, aber nun sehe ich das positiver als bisher. Mir wird hierbei auch klar, das in Bosnien viele Verwaltungswege extrem langsam, umständlich und teilweise nur mit Beziehungen und „Zusatzgeld“ funktionieren. ***

Heute haben wir einen Großeinkauf an Lebensmitteln gemacht.
Unter anderem Brot, Datteln, Süßigkeiten und Ketchup. Die Süßigkeiten haben wir von einem Marktleiter geschenkt bekommen. Wir dürfen zurzeit kein warmes Essen austeilen. Die Flüchtlinge bekommen daher unter anderem Brot und Ketchup, da diese viele Kalorien und Zucker beinhalten.***
So finden wir Flüchtlinge im Wald vor. Sie müssen sich oben in den Wäldern solche Unterschlupfe basteln, um einigermaßen geschützt zu sein. Wenn der Boden matschig ist, dann hilft das alles nicht viel, es ist eine Schande und tut mir im Herzen weh, das zu sehen. ***
Oder solche Unterschlupfe:
Ich hatte heute drei Stunden Pause, da wir heute Abend in den sogenannten Dschungel fahren.
Dschungel ist das Gebiet in den Wäldern, wo Kleingruppen im Wald übernachten, bevor sie ein nächstes „Game“ machen, also den nächsten Versuch, über die Grenze nach Kroatien zu kommen, manche haben mehr als zehn Games hinter sich.
Manchmal äußern Flüchtlinge, die wir mit Kleidung oder Essen versorgen, dass sie Schmerzen haben, da sie von Grenzpolizisten geschlagen wurden. Dann müssen wir schnelle Nothilfe leisten.
Anlegen eines Kopfverbandes als Notfalleinsatz.

Die Flüchtlinge sind uns sehr dankbar für die Hilfe und bedanken sich immer wieder mit „Thank you“ und dem legen der geöffneten Hand auf ihr Herz. Diese Gesten tun uns allen gut. ***

Zwei Kollegen haben in den Bergen mit schwerem Gerät einen im Weg liegenden Baumstamm entfernt. Es ist der Weg, der im Dschungel noch tiefer zu den Flüchtlingen weiter oben führt. Wenn ihr genau hinschaut, seht ihr, das die Flüchtlinge im Hintergrund zuschauen. Später haben sie mitgeholfen, weil sie wissen, dass wir dann die Tage mit dem Auto  auch zu ihnen kommen können. ***

Wir sind vom Einsatz zurück. Etwa 80 Menschen haben wir mit Lebensmitteln versorgen können. Glückliches Lachen, aber… einer Gruppe konnten wir nichts mehr bringen, sie wurden von der Polizei aufgegriffen und nach Lipa deportiert (dieses Wort passt zwar zu der Situation hier, aber es erinnert mich immer wieder an unsere deutsche Geschichte).***

Heute Nachmittag ging ich durch die Stadt und traf Waleed A. aus Pakistan. Ich sprach ihn an und wir zogen uns in einen alten Hauseingang zurück.

Er erzählte mir, dass er aus einem pakistanischen Dorf komme, es fänden dort Kämpfe zwischen verfeindeten Milizen statt. Er sei bereits in Italien, Griechenland und Serbien gewesen und jedes Mal per eigentlich nach europäischem Recht verbotenem Pushback von der Grenzpolizei zurückgeprügelt worden.
Später konnten wir auch ihm helfen.
Er hat sich so gefreut über die Hilfe, es war für ihn wie ein Wink des Himmels, er lächelte und dieses Lächeln ging bei mir direkt ins Herz.
Ich verabschiedete ihn mit: “Allahhimanet“, das heißt „Gott sei mit Dir auf Deiner Reise“. ***
Hier in Bosnien läuft vieles nach dem Grundsatz:“Eine Hand wäscht die andere.“ Da ja zurzeit einiges für uns als Helfer nicht erlaubt ist, müssen wir auch immer wieder schauen, wie wir uns gut und zu unserem Nutzen vernetzen in der Stadt.


Weil viele  Bosnier mittlerweile sehr kritisch gegenüber den Flüchtlingen eingestellt sind, ist es wichtig, öffentlich darzustellen, dass „SOS Bihac“ auch der armen örtlichen Bevölkerung hilft. Deshalb fuhren wir heute zu einer kleinen Schule im Kreis Bihac, also eher im ländlichen Umfeld, und haben dort kleine gespendete Rucksäcke mit Malpapier und Stiften verschenkt.

Mohammad, ein Kameramann des bosnischen Fernsehens, arbeitet schon lange unter anderem auch für „SOS Bihac“ und er hat unseren Besuch dort in der Schule gefilmt.***

Heute fuhren wir zunächst Richtung Lipa, aber wir fanden an der Straße keine Flüchtlinge. Bei der zweiten Tour bogen wir dann in einen Waldweg ab, wo wir mehrere Flüchtlinge gesehen hatten. Als wir hielten und ihnen klar machten, dass wir Helfer sind, kamen sie zu uns und plötzlich aus dem Wald noch mehr, es waren dann etwa 40 Männer. Wir verteilten als Nothilfe Jacken, Strümpfe, Unterwäsche, Pullover und etwas zum Essen.

Wir machten Fotos für unsere zahlreichen Spender. Weiterhin filmte ich  ein  Video von unserem Volunteer Jannick, der dieses kurze Video brauchte, um Spender anzusprechen, die morgen auf einer Veranstaltung in Deutschland zusammen kommen. ***

Das sind unsere drei Fahrzeuge, mit denen wir unterwegs sind plus zwei Quads für die Fahrt in die Berge. Und das ist manchmal unser Team: Jannik, Zlatan, Hannah und ich.***

Manchmal habe ich nach getaner Hilfe einen kleinen Gesellen zum Schmusen und Kuscheln in der Nähe unserer Unterkunft. Das genieße ich. (Schade, das Foto ist leider verwackelt.) ***

Heute habe ich sogenannte aufsuchende Sozialarbeit gemacht, da bei „SOS Bihac“ gerade nichts zu tun war. Ich ging bis in die Außenbezirke der Stadt und wenn ich Flüchtlinge antraf, haben sie entweder mich oder ich sie vorsichtig angesprochen,  ob sie Hilfe brauchen: Sie brauchten ALLE Hilfe. Später konnten wir ihnen dann im Rahmen von Nothilfe Jacken, Schlafsäcke und Lebensmittel übergeben.

Außerdem gehe ich zum Beispiel mit Flüchtlingen, die ich antreffe, in die nächste Bäckerei (oder sie stehen bereits in der Bäckerei), sie suchen sich Brot aus und ich bezahle es vom Spendengeld (ein 500 g Brot kostet 0,40€); was für glückliche Gesichter es mir schenkt, beim ersten Biss von ihnen ins Brot. Außerdem gehe ich in die Nähe von Apotheken und wenn ich dort sehe, dass dort Flüchtlinge Medikamente kaufen,  dann gehe ich auch hinein und bezahle diese( meistens 2,00€). ***

Heute habe ich eine Sache typisch deutsch fertiggestellt. Das Medizin-und Verbandslager war sehr ungeordnet. Aber gerade wenn man in Notsituationen schnell handeln und suchen muss und verantwortlich mit dem gespendeten Material umgehen muss,  dann muss ein System und eine Ordnung sein.

Mal schauen, ob ich der einzige bin, der danach arbeitet, ich habe da meine Zweifel. Allerdings noch einmal werde ich es dann nicht aufräumen. Siehe die Fotos davor und danach. ***

Und heute: Christ trifft Christ:

In der Stadt traf ich Mustafa und unterhielt mich etwas mit ihm. Sein Bruder sei bereits in Berlin. Er komme von Pakistan und sei Christ. Da er dort in der Minderheit war, sei er verfolgt worden und nun auf dem Weg nach Europa. Als er nach dieser Aussage mein Metallkreuz an meinem Hals sah, hat er sich sehr gefreut. Später konnten wir ihm im Rahmen der Nothilfe dann eine dicke Winterjacke und einen gefütterten Winterschlafsack übergeben, da er nichts hatte. Nun gehts weiter durch die Stadt, Flüchtlinge finden und helfen wo es geht. ***

Nachdem ich nun zwei Wochen hier im Einsatz war, habe ich mich entschlossen, meinen Einsatz in Bihac zu beenden und ab morgen zu einer „DRK-Einsatzstelle“ nach Klujc zu wechseln. Es gibt mehrere Gründe dafür. Wer diese erfahren möchte, sende mir bitte eine persönliche Nachricht, da ich dem Leiter versprochen habe, die Gründe nicht öffentlich zu machen.

Ich hatte bereits früher von Deutschland aus Kontakt mit einer Flüchtlingshelferin in Klujc. Im folgenden Link könnt ihr etwas von ihrer Arbeit erfahren.

(https://blog.drk.de/bosnien-herzegowina-meine-heldin-von-kljuc/ )

Mit ihr – Sanela Klepic-habe ich nun erneut Verbindung aufgenommen und mit ihr separat in Bihac ein gutes Gespräch zur Vorbereitung des Wechsels gehabt. Ich werde dort dann weiter arbeiten, diesmal wahrscheinlich mehr mit Familien und Kindern, auch mit medizinischer Hilfe und Hilfe beim Aufbau von Unterkünften für Flüchtlinge. Auf der Karte (roter Punkt) seht ihr, wo ich dann sein werde.

Außerdem werde ich in der Zeit wahrscheinlich noch in ein Camp nach Sarajevo gehen (das ist aber noch nicht ganz klar), um dort auch zu arbeiten und einen weiteren Einblick in die Situation hier in Bezug auf die Flüchtlinge zu bekommen.

Fazit für mich:

Ich habe einen guten Eindruck hier in Bihac in die Arbeit erhalten.

Ich habe mich bestätigt gefühlt, dass eine gute Arbeit für notleidende Menschen eine gute Organisation benötigt.

Teamarbeit ist das A und O in so einer Arbeit.

Wertschätzende Kommunikation ist sehr wichtig.

Wechselnde Einsatzorte weiten mir den Blick für die Flüchtlingssituation in Bosnien.

 

Die verbleibenden Spendengelder nehme ich natürlich dorthin mit.                                                                                                                                                                                                         Bis bald,

Euer Micha

7 Antworten auf „Menschen lässt man nicht verhungern. Punkt. (Flüchtlingshilfe in Bosnien)“

  1. Lieber Michael, ich finde deine Arbeit klasse und absolut wichtig. Die Diskussionen unserer Bundesregierung ob und wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnehmen soll finde ich erbärmlich, peinlich und absolut unchristlich!
    Pass auf dich auf.
    Liebe Grüße Elisabeth

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