Tour de France – Teil 1 – Normandie und Bretagne

Dank einiger netter Reisetipps, die wir zum Abschied zusammen mit vielen nützlichen Geschenken von lieben Freunden und Verwandten erhalten haben, sind wir nun nach einem kurzen Stopp in Deutschland wieder unterwegs.

In Frankreich holen uns leider die längst verlernten Sprachkenntnisse wieder ein (welche wir einmal vor einer gefühlten Ewigkeit erlernt hatten). Merci beaucoup, bonjour und au revoir ist noch drin (okay, auch noch einige andere Vokabeln) , aber es dauert wohl noch eine Weile, bis wir uns wieder einigermaßen gut verständigen können. Wenige Franzosen sprechen gut Englisch und wir sind erstaunt, dass gerade die Jüngeren dies nicht beherrschen; doch hält uns die Sprache nicht vom Reisen ab.

Als erstes landen wir kurz hinter der Grenze bei Calais in einem kleinen Ort namens

Escalles. Vom empfohlenen Campingplatz „Les Erables“ haben wir tatsächlich die tolle Aussicht auf die Kreidefelsen von Dover. Das freut uns umso mehr, weil wir sie ja vor kurzem noch von der anderen Seite gesehen haben. Von der Anhöhe des Platzes ist die Aussicht auf den Ärmelkanal und die Felsen wunderbar, zumal auch die Sonne herrlich scheint.

 

Wir radeln hinauf zum „Cap – Blanc – Nez“ und verweilen hier voller Staunen. Dort treffen wir einen Vater mit Sohn aus Koblenz und wir unterhalten uns; kurz danach einen belgischen Studenten, der in Heidelberg Deutsch studiert hat und es perfekt spricht; so kann das mit unserem Französisch ja nichts geben. Wieder unten im Ort flanieren wir am Sandstrand und radeln dann bis zum nächsten Ort weiter. Auf dem Rückweg halten wir in einem Café in Escalles. Es gibt leckere „Tarte de pomme“ und „Tarte au chocolate“; köstlich.

Weiter geht‘s nach Amiens. Am Parc „St. Pierre“ können wir kostenlos stehen – auch über Nacht und sind nicht die einzigen hier. Mit Blick zum See im Park und mit Sonne genießen wir das.


Die größte Kirche von Frankreich steht in Amiens. Es ist die Kathedrale „Notre Dame“ im gotischen Stil aus dem 13. Jahrhundert. Das freut uns umso mehr, dass wir hier gelandet sind und so bewundern wir dieses prächtige Gotteshaus.

Auf Bild- und Texttafeln (auch auf Deutsch) wird erklärt, wie es dazu kam, dass im zweiten Weltkrieg die Kathedrale verschont blieb: Der Bischof von Amiens traf sich mit dem damaligen Papst und bat diesen, sich über den obersten deutschen Kirchenvertreter bei Hitler für den Erhalt der Kathedrale trotz der Bombardements einzusetzen; tatsächlich geschah es so. Seit einigen Jahren wird jeden Abend eine spektakuläre Lichtershow auf die Kathedrale projeziert, die atemberaubend schön anzusehen ist.

Wir erfahren auch, dass Sankt Martin hier in Amiens seinen roten Mantel mit einem Bettler teilte.

Die Stadt hat noch andere Sehenswürdigkeiten zu bieten: So der ebenfalls als Weltkulturerbe gelistete Glockenturm „Belfried“. Wir bummeln über den Wochenmarkt und erstehen tatsächlich ein leckeres Körnerbrot, nachdem wir bisher nur Baguettes und Croissants gegessen haben. Die Stadt hat schöne alte Häuser, besonders im Viertel „Leu“ stehen solche, die noch aus dem 13. Jahrhundert stammen. Wir schauen Männern beim Boule – Spiel zu; dieses beliebte französische Kugelspiel wird überall an extra Plätzen und überwiegend von Männern (warum nicht von Frauen?) gespielt.

Irgendwann stellen wir fest, das in vielen Geschäften leuchtend roter Mohn auf diversen Gegenständen abgebildet ist. In der Touristinformation erfahren wir, warum das so ist: Nach dem ersten Weltkrieg, als alles in Trümmern auf den Schlachtfeldern lag, waren die roten Mohnblumen die ersten Blumen, die erblühten und an das vergossene Blut der abertausend Opfer erinnerten. Seitdem ist der Klatschmohn Frankreichs Symbolblume; vor allem auf den vielen Kriegsgräbern immer wieder zu finden.

Frischen Mohn sahen wir nicht mehr, aber dafür viele andere schöne Blumen in Gärten, als wir mit einem gondelähnlichem Boot durch die Wassergräben der „Hortillonnagen“ fuhren. Hier haben Menschen kleine Gartengrundstücke, die nur mit Booten zu erreichen sind und die sie individuell bepflanzen und gestalten. Man nennt daher die insgesamt ca. 60 Kilometer langen Wasserwege von Amiens auch das kleine Venedig.

 

Auf der Suche nach „Jules Vernes“ Wohnhaus, in dem er seine letzten Lebensjahre verbrachte, radeln wir quer durch Amiens und sind zum Schluß ein wenig enttäuscht vom Museum. Wir hätten uns mehr Erklärungen gewünscht; das meiste war in französischer Sprache geschrieben und die wenigen deutschen Hinweise halfen nicht weiter.

Über Landstraßen, durch kleine Orte und an vielen Feldern vorbei erreichen wir Bayeux. Für vier Euro stehen wir auf einem öffentlichen Stellplatz, auch über Nacht. Klar, das wir auch hier nicht alleine sind. Leider sind jedoch die meisten anderen Wohnmobilisten nur so kurz da, dass wir keine Kontakte knüpfen können. Wie zum Beispiel mit den neben uns stehenden Schweden, die am späten Nachmittag kommen und am nächsten Morgen schon wieder weiter fahren.
Wir besichtigen auch hier im Ort die relativ große Kathedrale. Rund um den Platz der Kathedrale sind kleine Restaurants, bei deren Anblick einem schon das Wasser im Mund zusammen läuft. Tatsächlich gehen wir abends in einer kleinen Nebenstraße in ein Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll (was nicht heißen soll, das wir ansonsten verhungern) und gönnen uns erstmals einen Cidre. Zugegebenermaßen trinken wir so selten Alkohol, dass Susanne nach dem zweiten Glas schon ein wenig flau ist und tags darauf so etwas wie einen Kater hat, und das bei nur 2% Alkohol.

Am folgenden Tag schauen wir uns die wirklich wunderschöne Altstadt mit den vielen kleinen handwerklichen Geschäften, Chocolaterien und Cafés an.

Der Besuch im „Musée Mémorial de la Bataille de Normandie“ (Kriegsmuseum) ist wie üblich eher unangenehm für uns Deutsche. Irgendwie werden wir das Gefühl nicht los, immer wieder mit dieser schrecklichen deutschen Vergangenheit belastet zu werden.

Im Museum stoßen wir auf ein von den Engländern abgeworfenes Flugblatt mit dem Original-Aufruf an die deutschen Soldaten überzulaufen und sich zu ergeben. Durch den Text wird im Gegenzug sehr deutlich, wie schlecht Hitler „seine“ Kriegsgefangenen behandelt hatte.

Gleich neben dem Museum ist ein Soldatenfriedhof, dessen über 4.000 weiße Kreuze ominös im Glanz der Sonne strahlen. Wir halten inne und gehen dann still und bedrückt weiter zum „Memorial des Reporters“. Soviel Journalisten und Reporter, die jedes Jahr aufgrund ihrer investigativen Arbeit getötet und ermordet werden. Fast erschreckender aber ist die Tatsache, dass noch so viel Platz im Park frei gelassen wurde für viele weitere Gedenksteine in den nächsten Jahren.

Kurz bevor die warme Sonne untergeht, radeln wir zum botanischen Garten mit dem dortigen ältesten Baum Frankreichs („Trauerbuche“) , der im Jahr 1860 gepflanzt wurde. Wir genießen die dortige Ruhe, die Sonne und die Blumen und lesen auf einer Bank unsere Bücher, bis die Sonne hinter den großen Bäumen verschwindet.

Au revoir Normandie, bonjour la Bretagne.

Wir erreichen gegen Mittag Saint Malo an der Nordküste am Ärmelkanal. Auf dem Stellplatz „Air camping – cars des Ilots“ nicht unweit vom Strand finden wir ein ruhiges Plätzchen unter einer Weide. Wir besichtigen am nächsten Tag das Zentrum der ehemaligen Piratenstadt. Man nennt diese Gegend „Rosengranit – Küste“, weil in der „Cote de Granit Rose“ viele bizarre Felsformationen aus rötlichem Granit zu sehen sind.
Von einer großen Stadtmauer umgeben laden die Tore darin jeden ein, die Innenstadt „Old City“ (wurde wirklich so benannt) zu besichtigen. Eine Créperie neben der nächsten säumt die inneren Mauern gleich neben dem Hafen. Auch an typischen Touristenläden mangelt es hier nicht. Irgendwie mögen die Franzosen – oder die Touristen – gerne Süßes, denn Chocolaterien und Bonbonnieren sind zahlreich vertreten.

Wir aber genießen den feinen Sandstrand mit dem dahinter liegenden kristallblauen klaren Wasser und gelangen über einen langen Deich zum kleinen Leuchtturm. Als wir bei der kompletten Umrandung der Stadtmauer wieder an denselben Punkt ankommen, hat die Ebbe die kleinen Inseln zum Herüberkommen freigegeben. Unfassbar, diese Gezeiten – grade eben noch schienen die Inseln „Petit-Bé“ und „Grand-Bé“ nur mit Booten erreichbar, nun gehen wir über Wege, gelangen auf die Inseln und genießen eine herrliche Aussicht. Wer es nicht schafft binnen der nächsten zurückkehrenden Flut wieder auf das Festland zu kommen, muss ca. fünf Stunden bis zur nächsten Ebbe warten. Wir haben genug Zeit und schaffen auch noch den vorletzten Bus, der uns zur Haltestelle direkt am Stellplatz bringt.

Bevor wir aufbrechen  schauen wir uns noch die wunderschönen „Rochers Sculptés“ in Rhoténeuf (Vorort von Saint Malo) an. Die 300 Skulpturen  wurden von dem taubstummen Abt Furé gestaltet.
13 Jahre lang  – von 1894 – 1907 – formte er diese direkt am Meer mit einfachen Mitteln direkt in den Granitfelsen. 1907, als er mittlerweile gelähmt war, musste er sein Werk beenden.  Die menschlichen und tierischen Skulpturen in Verbindung mit dem tosenden Meer sind sehr beeindruckend und man kann diese auf sehr schmalen und ungesicherten Wegen erklimmend bewundern.

Nun geht die Fahrt mit unserem TrauMobil weiter südlich nach Pontivy. Dieses ist die Partnerstadt von Wesseling am Rhein und Susanne hatte hier einst eine französische Brieffreundin. Klar, dass wir einen Halt bei der Familie einlegen werden.

Doch dazu demnächst mehr, auf der Tour de France Teil 2.

SuMi im TrauMobil

2 Antworten auf „Tour de France – Teil 1 – Normandie und Bretagne“

  1. Hallo Michael und Susanne !
    Endlich habe ich mir das Vergnügen gegönnt , Eure aktuelle Reisebeschreibung zu lesen . Vielen Dank dafür ! In Bayeux waren wir auch einmal „in grauer Vorzeit“ mit den Kindern. Wir fanden es ebenso schön wie Ihr es beschrieben habt . Ist dort nicht auch der „Teppich von Bayeux“ ( William the Conquerer ) ausgestellt ?Nicht zu vergessen : Naaachträglich Herzliche Glückwünsche zu Deinem Geburtstag , Susanne !!!
    Schon jetzt ist meine Vorfreude groß auf Eure nächste Reisebeschreibung …
    Lasst es Euch weiter gut gehen !!!
    Anette

  2. Danke Euch für den Einblick in Eure Reise! Wie gut, dass Ihr Euch Raum nehmt für die innere Begegnung, mit dem, was diese Eindrücke in Euch auslösen…

    So für mich heute die Geschichte vom Bischof von Amiens:
    Erinnert sie mich doch an die damalige unheilige Allianz von katholischen und evangelischen Kirchenleitungen mit Vertretern von Faschismus und Nationalsozialismus. Die Kirche von Amiens wurde nur durch „den kleinen Dienstweg“ zwischen politischen und geistlichen Entscheidungsträgern gerettet. …

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